Freier Journalist

„Diese Arbeit ist wunderschön“

Ehrenamtliche begleiten Menschen an ihrem Lebensende

 

Von Michael Nittel

Berlin. „Ich freue mich, Sie zu sehen.“ „Nein. Ich freue mich, Sie zu sehen!“ Margit Baller und die 82-jährige Dame, die aufrecht in ihrem Krankenbett sitzt, lächeln sich an. Wieder einmal liegen ein paar Stunden vor ihnen, die die beiden gemeinsam miteinander verbringen werden. Zeit, die sehr kostbar ist – für beide Frauen.

Die 58-jährige Margit Baller hatte den Kurs „Ehrenamtliche Begleitung am Lebensende in der Reinickendorfer Altenpflege“ – ein Projekt für den Bezirk Reinickendorf organisiert vom UNIONHILFSWERK – zusammen mit elf weiteren Teilnehmern im Dezember erfolgreich abgeschlossen. 15 Frauen und Männer im Alter von 30 bis 65 Jahren hatten sich insgesamt für dieses Modellprojekt, das eng mit dem Betreuungsnetzwerk für schwerkranke und sterbende alte Menschen in Reinickendorf zusammenarbeitet, angemeldet. Die Absolventen haben in sechs unterschiedlichen Einrichtungen in Reinickendorf und Pankow ihre Arbeit bereits aufgenommen.

In Fragebögen und einem Erstgespräch wurden Interessierte vorab mit den Kursinhalten und Schwerpunkten der ehrenamtlichen Arbeit konfrontiert: Wie gehe ich mit Trauer um? Wo sind meine Grenzen? Was habe ich für eine Vorstellung vom Leben und vom Tod? „Mit diesen und ähnlichen Fragen versuchen wir herauszufinden, ob Menschen für diese sehr persönliche Arbeit geeignet sind“, so Kurskoordinatorin Bettina Wistuba. Während des 80-stündigen Kurses wurden die Teilnehmer dann unter anderem auch zu ihrer Vergangenheit befragt und mit persönlichen Erlebnissen konfrontiert. „Man muss bereit sein, das auszuhalten. Wenn man keinen Zugang zu sich selbst findet, dann ist es auch schwierig, einen Zugang zu anderen Menschen zu finden.“ Darüber hinaus müsse man für diese Arbeit das Herz am rechten Fleck haben und dürfe keinesfalls versuchen, sich von einem persönlichen Verlust heilen zu wollen.

Margit Baller hat diese Kriterien erfüllt. „Ich war von Anfang an neugierig und motiviert und habe zu keiner Zeit daran gezweifelt, dass ich diesen Kurs abschließen werde und diese Arbeit machen möchte.“ Seit drei Monaten ist sie nun im Ehrenamt aktiv. „Mir wurde eine Dame anvertraut, zu der ich schon nach kurzer Zeit eine vertrauensvolle Beziehung aufbauen konnte. Diese Arbeit ist wunderschön.“

Das Sterben der eigenen Mutter vor sechs Jahren gab für sie und ihre Schwester den Ausschlag. „Wir waren mit der Arbeit in der Einrichtung, in der unsere Mutter lag, überhaupt nicht zufrieden. Dort waren alle überfordert und völlig hilflos. Deshalb haben wir unsere Mutter zum Sterben nach Hause geholt.“ Und da dieser Weg nicht jedem offen stehe, habe sie sich entschlossen, fortan auch fremde Menschen zu begleiten. „Ob man miteinander redet oder schweigt, lacht oder weint, ein Spiel spielt oder Fotoalben betrachtet, ist völlig egal. Man darf diese Menschen nur nicht allein lassen.“

Auch die Ehrenamtlichen werden einmal im Monat in einer so genannten Supervision begleitet, um vor allem ihre negativen Erlebnisse loszuwerden und sie nicht mit sich selbst ausmachen zu müssen.

Zwar weiß niemand, der sich dafür entscheidet, einen fremden Menschen am Lebensende zu begleiten, wie eng seine Beziehung zu diesem Menschen letztlich werden wird – wie gut oder wie schlecht er mit der eigenen Angst und dem Abschied umzugehen vermag. Und doch braucht die Welt Menschen wie Margit Baller – Menschen, die bereit sind, anderen zu helfen oder es zumindest zu versuchen. Interessierte erhalten unter 030 – 40 39 53 33 und unter www.palliative-geriatrie.de nähere Informationen.