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Fußball-ohne-Drogen-Cup 2006, 8. bis 13. September 2006

Veranstalter ist in diesem Jahr der Tannenhof Berlin-Brandenburg e.V., Träger verschiedener Therapieeinrichtungen „Wege aus der Sucht — Hilfen für Kinder und Jugendliche“. Veranstaltungsort ist der Evangelische Johannesstift in Spandau.

„Der Sport hält uns aufrecht“

Fußball ohne Drogen und die Geschichte eines Menschenlebens

 

Von Michael Nittel

Seit Freitag veranstaltet der Tannenhof Berlin-Brandenburg e.V., Träger von Kinder-, Jugend- und Suchthilfeeinrichtungen, den „Fußball-ohne-Drogen-Cup“ 2006 (FoDC). 18 Mannschaften aus sechs Ländern, rund 220 rehabilitierte Drogensüchtige, der jüngste erst 14 (!), der älteste 47 Jahre, treffen sich bereits zum achten Mal. Kulturelle und sportliche Workshops sowie eine Fachkonferenz „Fußball ohne Alkohol und Drogen – geht das?“ bilden den Rahmen. Veranstaltungsort und Quartier ist der Evangelische Johannesstift in Spandau.

Zwei Berliner Mannschaften sind mit am Start und haben die Vorrundengruppe A als Tabellenerster und –zweiter beendet: Ein Team des Veranstalters und „Drogenliga e.V.“, bei dem drei Reinickendorfer mitkicken: Uwe Schäfer, Mathias Stange und Christian Selig. „Der Sport hält uns aufrecht. Eine so tolle Kameradschaft wie hier erlebst Du nirgendwo anders“ so Schäfer, der seit 25 Jahren in der Drogenliga für die „Guttempler“ kickt – ein Team, das in Reinickendorf vor 26 Jahren gegründet wurde und das vom Bezirksamt unterstützt wird. So alt ist auch die Drogenliga, in der Teams aus ganz Berlin Fußball spielen. Rund 70 Prozent der Akteure sind ehemalige Drogenabhängige. Der Rest sind Menschen, die einfach nur Fußball „ohne Alkohol und ohne Gewalt“ spielen wollen. So auch Mathias Stange, der seit seinem zwölften Lebensjahr bei den „Guttemplern“ kickt: „Einige Fußballteams treffen sich doch in erster Linie zum Trinken und nebenbei spielen sie Fußball. Dazu hatte ich einfach keine Lust.“  Wie schwierig so etwas für Kinder ist, vor allem in Zeiten, in denen der Deutsche Fußballbund eine Bierbrauerei als wichtigsten Werbepartner hat, weiß Horst Brömer, Diplompsychologe und Geschäftsführer des Tannenhof: „Spiele ich, um zu Trinken oder trinke ich, um Spielen zu können. Das ist das Dilemma, vor dem Kinder und Jugendliche stehen.“

Beim FoDC wird auch die Fairness groß geschrieben. Das bestätigt Schiedsrichter Hans Agbodjan: „Alle gehen vor, während und nach dem Spiel fantastisch miteinander um. Das Turnier hat einen ganz eigenen Geist.“

Steffen Resagk (41), Vater von sechs Kindern und Kapitän des Drogenligateams, hat jahrelang in Reinickendorf gelebt und dort den Schritt in sein jetziges Leben getan. Mit 16 nahm er Kokain, mit 18 Jahren Heroin. Er wurde kriminell und ging ins Gefängnis. Seine Mutter ließ ihn irgendwann fallen. „Es war vollkommen richtig, dass sie aufhörte, mir Geld zuzustecken“ weiß Resagk heute. In Reinickendorf lebend, rappelte er sich 1999 zu einer Therapie auf: „Ich hatte einfach keine Kraft mehr.“ Resagk verbrachte zehn Monate im ADV (Akzeptieren, Differenzieren, Verbinden) Briese in Birkenwerder. Dort gab es eine Fußballmannschaft, die in der Drogenliga spielte. Resagk schloss sich an und blieb dabei.

„Der Fußball gibt Halt. Du bist unter Gleichgesinnten. Jeder versteht dich, weil jeder seine eigene Geschichte hat.“ Sein Team bestand damals aus 13 Spielern. „Acht von uns haben es geschafft.“

Dann waren auch für Resagk die zehn Monate um. „Ich hätte damals nicht mehr nach Reinickendorf zurückkehren können – dahin, wo ich jede dunkle Ecke kannte.“ Also blieb er zur Nachsorge für weitere sechs Monate in der Einrichtung, bei seinen Fußballkumpels. „Keiner schafft es allein, von der Droge wegzukommen oder nie wieder rückfällig zu werden.“ Und manchmal passieren die schönsten Dinge in einem Menschenleben innerhalb kürzester Zeit: Resagk lernte während der Nachsorge im Chat „Engelchen sechs“ kennen, seine jetzige Frau.

Die Familie ist ihm wichtig, die Frau, die sechs Kinder, aber auch seine „sportliche Familie“, das Team, die Drogenliga, der FoDC. „Schaue Dich doch um“ sagt er und zeigt auf die anderen Teams, die Menschen, die alle um den Sportplatz versammelt sind. „Das sind einfach alles Superjungs. Ich möchte nicht einen von ihnen missen. Umso größer wir werden, desto stärker werden wir auch.“

Und darum ist es gut, dass nach acht Jahren nun auch die internationale Gemeinschaft weiter wächst, stellt Lars Birnbaum, Projektleiter des FoDC, fest. „Und das bei absoluter Drogen- und Gewaltfreiheit. Sie werden hier auf dem gesamten Gelände nicht einen Spieler finden, der ein Bier in der Hand hat.“

Sport und Gemeinschaft sind für jeden Menschen, für unsere Kinder enorm wichtig – der Sport ohne Drogen, ohne Alkohol erst Recht.

Steffen Resagk abschließend: „Ich wünsche jedem einzelnen Turnierteilnehmer, dass er für den Rest seines Lebens „clean“ bleibt. Und allen anderen Menschen wünsche ich, dass sie niemals – in welcher Form auch immer – abhängig werden.“

Und zu seiner eigenen Zukunft?

„Das klingt hart, was ich jetzt sage: Aber wenn ich mich zwischen meinen Kindern oder einem  „cleanen“ Leben entscheiden müsste, würde ich letzteres wählen, sagt Steffen Resagk ohne Pathos in der Stimme. Aber trotzdem geht es ihm nah. Und wer von uns Nicht-Süchtigen mag ihn dafür verurteilen? Niemand.

Der „Fußball-ohne-Drogen-Cup“ 2006 endete mit den Finalspielen im Mommsenstadion. „Ein einmaliges Erlebnis“, schwärmt Steffen Resagk noch Tage später. Der eingefleischte Hertha BSC-Fan hatte dort Gelegenheit, gegen eine Prominentenmannschaft des Bundesligisten und damit gegen seine Idole wie Fredi Bobic zu kicken. Über Turniersieger und –verlierer soll an dieser Stelle nicht gesprochen werden—letztere gab es ohnehin nicht wirklich! Alle haben sie gewonnen: alle, die es geschafft haben, von den Drogen wegzukommen – mit oder auch ohne den Fußball.