Freier Journalist |
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Von Michael Nittel Mütter lieben ihre Kinder. Auch meine Mutter liebt mich. Und genau aus diesem Grund hätte sie beinahe dafür gesorgt, dass mir eine der großartigsten Erfahrungen in meinem Leben verborgen geblieben wäre: der Sport. Als Kind sehr häufig krank, hätte meine Mutter mich am liebsten in Watte gepackt. Welche Mutter würde das nicht auch tun? Keine! Doch dann kam die Zeit, in der ein Freund nach dem anderen in den Fußballverein eintrat. Auch ich wollte das – mehr als alles andere auf der Welt. „Mit Sport machst Du Dir doch nur Deine Knochen kaputt – schau´ nur Vati an“, sagte meine Mutter besorgt. Und tatsächlich: Mein Vater, Fußballtorwart, hatte sich zu dieser Zeit gerade mal wieder einen Finger ausgekugelt. Bingo. Das Thema Sport wurde bei uns zu Hause zu den Akten gelegt. Aber auch Kinder müssen manchmal zu einer kleinen List greifen – so auch ich. Meine Mutter ließ sich, wie vermutlich andere Mütter auch, nur ungern in ihre Erziehung hineinreden. Es gab nur eine handvoll Menschen, deren Wort etwas zählte: Ärzte gehörten dazu. Als mich mein Kinderarzt beim nächsten routinemäßigen Besuch fragte, ob ich denn irgendeinen Sport machen würde, antwortete ich ein wenig verschüchtert, aber kalkulierend: „Nein, ich darf nicht. Dabei würde ich so gern Fußball spielen.“ „Aber Sport ist doch so wichtig für das Kind – und Fußball ist sowieso super.“ Geschafft! Eine Woche später bin auch ich in einen Fußballverein eingetreten. Übrigens: Mein Kinderarzt hatte Recht. Der Sport war für mich eine der großartigsten, wenn nicht die großartigste Erfahrung meines bisherigen Lebens. Und – ach ja – natürlich hatte auch meine Mutter Recht, wie ich heute nach mehreren Knieoperationen zugeben muss. Das war vor knapp 30 Jahren. Und bis heute hat sich an der Bedeutung des Sports für Kinder und Jugendliche nichts geändert. Nur hat man häufig das Gefühl, dass allein gutes Zureden des Kinderarztes nicht mehr genügt, um die Mütter und heute auch Väter, aber insbesondere die Kinder und Jugendlichen selbst von der Wichtigkeit des Sports zu überzeugen. Sport ist nach wie vor „ein Erlebnisfeld für Kinder und Jugendliche, das durch nichts zu ersetzen ist“, sagt Manfred von Richthofen, jahrelang Präsident des Deutschen Sportbundes. Es gibt allein in Deutschland rund 86.000 Sportvereine. Neun Millionen junge Menschen sind als Mitglieder aktiv. Rund 80 Prozent aller Kinder und Jugendlichen treiben mehr oder weniger regelmäßig Sport. Damit ist Sport entgegen aller Prognosen immer noch die Freizeitbeschäftigung Nummer eins – und das in Zeiten, in denen viele Kinder längst nicht mehr in der Bettwäsche ihres Lieblingsfußballklubs einschlafen, sondern sich viel lieber an das Konterfei von Lara Croft kuscheln. Also räumen wir mit den Klischees einfach mal auf: Unsere Kinder sind nicht „fett, faul und fernsehsüchtig“ wie uns der Erste (und bisher einzige) Kinder- und Jugendsportbericht aus dem Jahr 2003 suggerieren möchte oder wie uns – wenn auch in abgeschwächter Form – Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender beim FC Bayern München, in einem Interview kürzlich mitteilte. Beide haben aber mit ihrer Kritik natürlich insofern Recht, als dass die körperliche und motorische Leistungsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen im Vergleich zu unserem Nachwuchs von vor 30 Jahren rapide abgenommen hat. Körperliche Aktivität unterstützt die Prävention, insbesondere von Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen sowie Erkrankungen des Bewegungsapparates – das ist Fakt. Da kleine Kinder Freude an der Bewegung, am Spiel haben, es Ausdruck von Vitalität, von kindlicher Neugier und Lebensfreude ist, wäre es ein leichtes, sie bereits sehr früh auch für den Sport oder gar den Verein zu begeistern. Dann würden sie sich, falls keine schwerwiegenden Verletzungen dazwischenkommen sollten, ein Leben lang sehr viel Gutes tun. Aber Sport ist noch viel mehr als „nur“ gesund: In einer Gesellschaft, in der Familien „mobil“ sein müssen, um einer beruflichen Tätigkeit nachgehen zu können, vielleicht beide Elternteile berufstätig oder allein erziehend sind, hat der Sport und somit auch der Verein einen wichtigen erzieherischen und somit gesellschaftspolitischen Aspekt: „Wir müssen Eltern entlasten“, sagt Ingo Weiss, Vorsitzender der Deutschen Sportjugend, und plädiert an eine gute Ausbildung der im Verein tätigen Trainer und Betreuer. Gerd Liesegang, Vize-Präsident des Berliner Fußballverbandes, geht sogar noch einen Schritt weiter: „Bis zum zwölften, dreizehnten Lebensjahr lassen sich Kinder und Jugendliche durch ihre Trainer und Betreuer unheimlich beeinflussen – manchmal sogar mehr als durch ihre Lehrer. Zum Fußball geht man gern, zur Schule muss man. Diese Chance sollten wir nutzen. Trainer und Betreuer müssen noch mehr sensibilisiert, sich ihrer Vorbildfunktion bewusst werden. Dann haben wir ungeheure Möglichkeiten.“ Ein Vertrauensverhältnis, dass mitunter weit über die Probleme im Sport hinausgeht. „Das hilft unseren Familien ungemein – und davon lebt dann auch diese Gesellschaft“, sagt Hans-Gerd Schütt, Sportpfarrer der deutschen Delegationen bei den Olympischen Spielen in Athen und Turin, früher Hauptschullehrer. Wenn dieses Zusammenspiel gelingt, kann der Verein auch ein Stück weit ein zu Hause für unsere Kinder und Jugendlichen sein: Dort können sie Gemeinschaft erleben und gleichzeitig lernen, als Teil einer Mannschaft in die Pflicht genommen zu sein. Dort können sie lernen, Engagement zu zeigen, Engagement für eine Sache, die ihnen wichtig ist, ihnen etwas bedeutet. Sie haben feste Zeiten und lernen, diese einzuhalten. Man hält sich an Regeln und muss die Konsequenzen tragen, wenn man dies nicht tut. Kinder können im Sport überschüssige Energien, vielleicht auch Frust loswerden. Sport fördert und fordert Kreativität. Man gewinnt miteinander und lernt, auch mal eine Niederlage einzustecken. Es gibt Kinder und Jugendliche in diesem Land, die haben in einem Sportverein zum ersten Mal in ihrem Leben Applaus erhalten. Man überträgt ihnen innerhalb einer Mannschaft Aufgaben, die sie lösen müssen – man traut ihnen etwas zu. „Hoppla, es gibt doch etwas, was ich gut kann, erkennen unsere Kinder dann“ sagt Hans-Gerd Schütt. „Das stärkt ihr Selbstvertrauen. Es zeigt ihnen, dass sie etwas können, dass sie es sich nur zutrauen müssen.“ Jedes Kind, nein, jeder Mensch braucht etwas, worin er gut ist – bei vielen ist das der Sport. Und er hat unbestritten integrative Fähigkeiten: Er kann durch alle Bevölkerungsgruppen, Bildungsschichten oder Berufsgruppen hindurch verbinden. „Und dabei ist es zunächst einmal völlig egal, ob man zusammen einen Sport betreibt oder sich auch nur ein Spiel zusammen anschaut. Schauen wir doch nur zu den Übertragungen von WM-Spielen auf Großbildleinwänden: Da stehen die Fans zusammen, ohne das einer fragt: Wo kommst Du eigentlich her? Was ist Dein Beruf? Das Miteinander ist völlig unkompliziert möglich,“ stellt Hans-Gerd Schütt ganz richtig fest. Das Entscheidende ist: Der Sport kann dies alles – er tut es aber nicht zwangsläufig! Denken wir nur allein an den übertriebenen Ehrgeiz von Menschen jeden Alters, die Jahr für Jahr bei diversen Marathonläufen dieser Welt zu Tode kommen, weil sie schlecht trainiert an den Start geht, nur um sich oder wem auch immer irgendetwas zu beweisen, sich, ihren Körper und ihre Leistungsfähigkeit völlig falsch einschätzen. Wir hören oder lesen viel zu oft von jungen Mädchen – oder kennen sie vielleicht sogar aus dem eigenen Bekanntenkreis – die glauben, fünfmal in der Woche in ein Fitnessstudio zu laufen und zeitgleich die Nahrungsaufnahme komplett einzustellen, machte sie interessanter oder schöner oder – im günstigsten Fall – beides. Es gibt junge Männer, die zwischen jeder Übung an der Hantelbank, Eiweiß- oder Vitamindrinks oder Wer-weiß-was-sonst-noch-so-alles in sich hineinschütten, um am Besten gleich schon morgen früh muskelbepackt aus dem Bett zu klettern. Es existiert insbesondere in diesen Etablissements der Irrlaube, dass sich ein Trainingserfolg schneller einstellte, um so schneller man immer höhere Gewichte in immer kürzerer Zeit stemmte. Die Folge: Man schadet seinem Körper mehr als das man ihm nutzt – und die Wahrscheinlichkeit für einen „Normalsterblichen“, beim Orthopäden schnell einen Termin zu bekommen, steht der vom Blitz getroffen zu werden heutzutage in nichts mehr nach. Doch nicht nur der übertriebene Ehrgeiz von den Sportlern selbst kann zum Bumerang werden. Selbst dort, wo die Kinder in der Regel das erste Mal in ihrem Leben mit Sport in Berührung kommen bzw. kommen sollten, in der Schule, wird viel verkehrt gemacht: Dass die Benotung im Schulsport einen unnötigen Leistungsdruck schürt und man die Noten eventuell abschaffen sollte, wird schon seit Jahren debattiert. Die Lehrpläne für den Sportunterricht scheinen auch nicht zwingend von Menschen entworfen worden zu sein, die in der Lage sind, Anderen eine Freude zu bereiten. Die Ausbildung von Sportlehrern ist in der Regel miserabel. Und auch das pädagogische Geschick ist bei einigen von ihnen nur wenig ausgeprägt: Oder wie anders ist es zu erklären, dass schon viel zu oft durch das Wählen von Mannschaften kleine Kinderseelen zerstört worden. Wer kennt ihn nicht, diesen oder einen ähnlichen Satz: „ Oh nein, nicht ..., der / die kann doch nichts. Na gut, dann komme halt noch mit zu uns (wenn es denn sein muss). Aber stelle Dich am besten einfach nur dort hin.“ Aber auch vom Siegeswillen zerfressene Trainer und Betreuer sorgen allzu oft dafür, dass Kinder schon früh den Spaß am Sport verlieren. Da wird gemotzt und beleidigt – und, um den Erfolg der Mannschaft nicht zu gefährden, manche Kinder erst gar nicht eingesetzt. Und dann gibt es noch die Eltern – einige Eltern – häufig daran zu erkennen, dass sie für gewöhnlich wiederholt darauf hinweisen, welcher der kleinen Racker denn nun zu ihnen gehört. Und während des Spiels sind diese dann ohnehin nicht mehr zu übersehen bzw. zu überhören. Der Ablauf ist häufig der selbe: Erst wird das eigene Kind lautstark unterstützt, dann auch schon mal beschimpft und dann, wenn die Situation hoffnungslos erscheint, sind die Kinder des Gegners dran. Gerd Liesegang: „Die Eltern, die Ärger machen, kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Auch die ethnische Herkunft spielt überhaupt keine Rolle. Kinder werden beschimpft, nur weil sie bei einer anderen Mannschaft spielen, aus einem anderen Bezirk kommen, vielleicht eine andere Hautfarbe haben. Kann ich einem Kind nicht einfach dafür applaudieren, dass es den Ball dreimal hochhält oder dass es ein tolles Tor geschossen hat, auch wenn es in einer anderen Mannschaft spielt?“ Dann haben wir – wenn auch nur noch sehr vereinzelt – die Eltern, die ihren Kindern nicht nur das Wochenende, sondern die ganze Kindheit versauen: Stichwort: „Eiskunstlauf-Mama“. Das meint Eltern, die – wenn sie glauben, dass ihr Kind auch nur einen Funken Talent hat – sie sozusagen den Part der privaten Altersvorsorge übernehmen sollen: Und so werden kleine Menschen ungefragt über Jahre hinweg dazu genötigt, sieben Mal in der Woche ein intensives Training über sich ergehen zu lassen, was außer zu körperlichen und seelischen Schäden beim Kind – die bei den Eltern müssen schon vorher da gewesen sein – zu rein gar nichts führt. Der Ehrgeiz, mit seinem Sport beim nötigen Talent vielleicht Karriere zu machen, ist nachvollziehbar und mitunter auch zu begrüßen. Aber man sollte und muss auch begreifen, dass die jeweilige Spitze im Sport – unabhängig der Sportart – von nur sehr wenigen Athleten gebildet wird und dass davon wiederum nur die Allerwenigsten auch wirklich leben können: Selbst wenn man in seinem Sport Großartiges vollbringt – nur eine handvoll dieser Athleten wird nie wieder im Leben arbeiten müssen. Schauen wir uns doch nur einige von Deutschlands erfolgreichsten Olympioniken aller Zeiten an: Die Kanutin Birgit Fischer, die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein, der Biathlet Ricco Groß. Sie alle gehen bereits jetzt – obwohl ihre Karrieren noch nicht beendet sind – einer Arbeit nach und werden ohne Ausnahme auch nach ihrer sportlichen Laufbahn einen so genannten „anständigen“ Beruf ausüben. Spitzensportler können für unsere Kinder und Jugendlichen Vorbild sein – entweder, weil es ihnen nachzueifern gilt oder weil man sie einfach nur toll findet. Hoffen wir also, dass uns die Fußball-Weltmeisterschaft keine unglücklichen Kinder beschert, sondern so viel gute Laune verbreitet, dass wir im nachhinein voller Freude und mit glänzenden Augen von ihr sprechen werden. Und vielleicht sehen wir dann auch wieder mehr Kinder, die in einem Ronaldinho- oder Podolski- oder im Trikot eines anderen WM-Helden, der erst noch geboren werden wird, auf unseren Straßen, Gassen Hinterhöfen Fußball spielen, gemeinsam, unabhängig ihrer sozialen oder ethnischen Herkunft und natürlich völlig freiwillig. Aber Vorsicht: Der Sport kann auch falsche Vorbilder kreieren, wenn auch viele Dinge schon längst Alltag sind. Gerd Liesegang berichtet: „Bei der WM wird nichts passieren, was wir nicht schon kennen. Wir haben nämlich schon alles, was die Profis machen, auch auf unseren Sportplätzen: die Rudelbildung, das Kritisieren jeder einzelnen Schiedsrichterentscheidung. Wenn im Fernsehen einer eine Werbe-Tonne kaputt tritt, weil er ausgewechselt wird, dann fliegt bei uns am nächsten Wochenende mindestens ein Mülleimer durch die Gegend. Mehr geht doch schon gar nicht.“ Ein schwacher Trost. Der Sportplatz ist kein Ort außerhalb unserer Wirklichkeit. Er ist vielmehr ein Spiegel unserer Gesellschaft, unseres Lebens. Sie sehen: Sport kann alles und auch nichts. Er ist ein wenig wie das Feuer, das Menschenleben rettet, aber auch zerstört, das Herzen wärmt und ganze Landstriche vernichtet. Es ist wie mit allem im Leben: Es kommt immer darauf an, was wir daraus machen. Sport ist großartig. Aber wer hat – Hand aufs Herz – nicht auch schon einmal ein Kind beim Sport gesehen, das todunglücklich war? Die nun folgenden Texte, Interviews und Reportagen greifen einige der genannten Aspekte auf und zeigen dennoch lediglich einen kleinen Ausschnitt des Sports, seine nahezu unbegrenzten Möglichkeiten, aber auch negative Auswüchse. Wir besuchten Projekte, Vereine, Verbände und sprachen dort mit den unterschiedlichsten Menschen: mit einem Fußball-Nationaltrainer, mit Kindern und Jugendlichen von nebenan, mit Menschen deutscher und nicht-deutscher Herkunft. Wir trafen ein großes Fußballtalent, dass sich durch eine Riesendummheit vielleicht um eine große Karriere brachte und ein junges Mädchen, das ihren Sport so sehr liebt, dass sie ihn sogar vor dem eigenen Vater verheimlicht. Wir trafen Menschen, die noch af der Suche sind, und Menschen, die gefunden haben. Und natürlich lernen Sie bei uns auch die vermutlich wichtigsten Menschen kennen, nämlich die, die den Anderen helfen, ehrenamtlich oder beruflich, im Sport und im Leben. Sie alle sind gänzlich verschieden – doch sie haben zumindest eines gemein: Sie lieben den Sport. |