Freier Journalist

 

Von Michael Nittel

Aus den Boxen im Wasserturm an der Kopischstraße in Berlin-Kreuzberg hämmert immer wieder das gleiche Lied: „Drop“ von „Timberland“. Man versucht dagegen anzusprechen, resigniert und beobachtet dann doch schweigend und ein wenig fasziniert sechs junge Menschen bei ihrem Training. Das Lied verstummt. Endlich Zeit, um Luft zu holen, um vielleicht die eine oder andere Frage zu stellen.

„Okay“, hallt die Stimme von Dorothea „Doro“ Hohmann durch den Turm. „Das war schon gar nicht schlecht, aber das machen wir gleich noch mal.“ Blitzschnell ist die quirlige junge Tanztrainerin bei der Stereoanlage angelangt und ein weiteres Mal kriechen einem die Beats durch Mark und Bein. „UND LOS.“ Wie der Teufel fegt die 23-Jährige, die eine Bühnentanzausbildung absolviert hat, über das Parkett, springt vor und zurück, vor und zurück, dreht sich rasant im Takt der Musik, während ihre Schülerinnen und Schüler zu folgen versuchen. „Sie ist heute eigentlich nur wegen des Pressetermins gekommen“, versucht Michaela Peters, seit 14 Jahren als Sozialpädagogin, zunächst im deutsch-türkischen Kindertreff in der Friesenstraße, seit 2003 im Deutsch-türkischen Kinder-, Mädchen- und Jungentreff (DTK)-Wasserturm aktiv, gegen die Musik anzusprechen und zeigt dabei in Doros Richtung. „Eigentlich dürfte sie zurzeit gar nicht tanzen. Sie sollte zu Hause auf dem Sofa liegen. Sie hat sich nämlich im linken Fuß die Bänder gerissen.“

Die Musik verstummt erneut. Die fünf jungen Menschen muslimischer Herkunft der Streetdance-Gruppe ringen nach Atem. „Das war schon gar nicht so schlecht“, sagt Doro, immer mit einem Lächeln im Gesicht. „Der Fuß muss doch höllisch weh tun“, möchte man sie fragen. Doch – zu spät – „Timberland“ ist wieder einmal schneller. „UND LOS ....!

Na gut, dann machen wir das Interview halt bei der nächsten Unterbrechung.

 

Tanzen ist ihr Leben. Das sagt sie nicht nur – das spürt man bei jeder ihrer Gesten, bei jedem Blick, bei jedem Wort, das sie über das Tanzen verliert. „Sport integriert immer und zu allen Zeiten“, sagt Doro im Brustton der Überzeugung. „Und gerade der Tanz. Da kommt kein Teamsport gegen an. Egal ob Basketball, Handball oder was auch immer. Und ich weiß wovon ich rede: Ich habe das alles durch. Was Zusammenhalt und Gemeinschaftsgefühl angeht, gibt es nichts Größeres als den Tanz.“ Sie klingt so überzeugt und überzeugend, dass man ihr das einfach glauben muss. „Tanzen ist ein kreativer und ein Gemeinschaftsprozess. Ich stehe nicht vorn und sage: Wir machen das so und so und so. Jeder Einzelne kann sich bei mir einbringen. Und das gibt es bei einem Mannschaftssport nicht. Da sagt der Trainer: So wird es gemacht. Und warum? Weil er der Chef ist. Und weil er gewinnen will.“

Die Streetdance-Gruppe im DTK-Wasserturm besteht aus drei Mädchen und zwei Jungen. „In der Musik, zu der wir tanzen, geht es doch ohnehin immer um das Verliebtsein. Da müssen dann auch Mädchen und Jungen mitmachen – ist doch klar,“ sagt Doro, die die Gruppe seit vier Monaten betreut. Sie ist auch vom Tanz als einem integrativen Instrument zwischen den Kulturen überzeugt: „Das kommt zwar immer auf die Leute an und nicht auf die Kulturen. Aber ich habe das in der Vergangenheit schon erlebt, dass Jungen und Mädchen unterschiedlichster Kulturen, die sich auf dem Schulhof vielleicht mit dem Allerwertesten nicht angucken würden, zusammen tanzen – überhaupt kein Problem.“ Ganz im Gegenteil: Wenn sie erst einmal aufeinander eingeschworen seien und begriffen hätten, dass sie alle Teil eines Ganzen sind, dann gehe der eine für den anderen durchs Feuer. „Tanz bedeutet in erster Linie, dass man ausprobieren muss, wie man mit dem oder den Anderen zusammen am Besten funktioniert.“ Und sie appelliert auch an die Bedeutung des Individuums: „Beim Tanzen brauche ich jeden – jeder Einzelne hat innerhalb einer Choreographie seinen Platz.“

 

Die Streetdancegruppe ist nur eines von vielen Projekten, die vom DTK-Wasserturm angeboten und betreut werden. Da es sich um offene Projekte handelt, ist nur schwer zu sagen, wie viele junge Menschen, immerhin im Alter von fünf bis 27 Jahren, die Tore des Wasserturms passieren. „Wir schätzen, dass es rund 1.000 Mädchen und Jungen im Jahr sind“, will sich Michaela Peters allerdings nicht festlegen lassen.

Die von ihr betreute Mädchengruppe umfasst rund 50 junge Frauen, die zwar unregelmäßig, dafür aber „immer mal wieder“ vorbeischauen. Schwerpunkt sind mit rund 50 % türkische Mädchen. Aber die Gruppe ist bunt gemischt und spiegelt die kulturelle Vielfalt des Kreuzberger Kiezes wieder: es gibt tamilische, thailändische, afrikanische und deutsche Mädchen in der Gruppe.

Im Vordergrund steht das Sportangebot: „Wir hatten dienstags immer eine Sporthalle und haben dort Volleyball oder Basketball gespielt oder an den Ringen geturnt. Doch dann haben die Mädchen irgendwann gesagt: Ach, Michaela, jetzt haben wir eigentlich keine Lust mehr, in die Halle zu gehen.“ Und deshalb unterbreitete die Sozialpädagogin, die auch Sport studiert hat, den Mädchen ein wechselndes Angebot: Für gewöhnlich geht man  bei schönen Wetter Inline-Skaten, Mountainbiken, war aber auch schon beim Canyoning oder Kanufahren – im Winter ist Schlittschuhlaufen oder Joggen angesagt. Zuletzt war die Gruppe sogar Indoor-Skifahren. Abwechslung ist das Zauberwort. „Das ist bei uns schon anders als im Verein, wo man sich auf eine Sache festlegen muss. Wenn man dann keine Lust mehr hat, muss man entweder austreten oder sich überwinden, trotzdem hinzugehen.“ Und wenn die Mädchen mal überhaupt keine Lust haben, sich zu bewegen, gibt es den Mädchenraum, wo sie Hausaufgaben machen oder einfach rumhängen können. „In dieser Zeit haben die Jungs auf dieser Etage definitiv nichts verloren.“

Die können sich bei Michaela Peters´ Kollegen Hakan Aslan herumtreiben. Der Erziehungswissenschaftler betreut das Jungenprojekt, das zurzeit allerdings nur acht junge Männer umfasst. In dieser Gruppe, die von türkischen und arabischen Kindern und Jugendlichen besucht wird, geht es unter anderem darum, Rollenbilder aufzubrechen und die Frage zu stellen: Wer bin ich eigentlich? Aber auch hier gilt: das Angebot ist offen. Und damit auch die jungen Männer Lust haben, immer wiederzukommen, gehen sie auch schon mal Fußball oder Streetball spielen. Oder sie schauen sich im Kino einen Film an.

Doch damit nicht genug im Wasserturm: Montags gehen die Kinder bis elf Jahre in die Sporthalle, freitags zum Schwimmen. Zurzeit gibt es zwei Tanzkurse, neben Streetdance wird auch Bauchtanz angeboten. Eine Breakdancegruppe gab es mal – könnte es vielleicht wieder geben. „Wir versuchen hier immer, die Wünsche der Jugendlichen aufzugreifen“, erklärt Michaela Peters. Auch das ist wohl ein Schlüssel für den Erfolg.

Es gibt einen Cafebereich, der von Jugendlichen türkischer, arabischer und auch deutscher Herkunft genutzt wird. Die jungen Menschen sitzen aber nicht nur herum, hören Musik und trinken Kaffee, nein, sie kümmern sich eigenverantwortlich um das Cafe. „Wir versuchen sie mit in die Angebote einzubinden, um ihre Selbstständigkeit zu fördern.“ Das klappt: Ältere kümmern sich um Jüngere, greifen ein, wenn es mal Streit gibt. Aber auch bei der Sprache, dem vermutlich wichtigsten Schlüssel zur Integration, sollen sie sich gegenseitig motivieren. Allerdings mit einem großen Unterschied zur öffentlichen Diskussion: „Wir verordnen die deutsche Sprache nicht“, sagt Michaela Peters und ergänzt, dass es das Normalste der Welt sei, dass – wenn ein Kind weint,  weil es  sich wehgetan hat – es natürlich in seiner Muttersprache diese Gefühle äußern darf und soll. „Auch bei der Sprache ist die Eigenverantwortung der Kinder und Jugendlichen, die Selbstverständlichkeit des Miteinanders viel wichtiger, als wenn wir ihnen das ständig eintrichtern wollen würden.“ So beobachte sie, dass sich die Migrantinnen und Migranten nicht nur sehr oft auf deutsch unterhielten, sondern sie sich auch von ihren Erfolgen mit der deutschen Sprache – in der Schule oder bei Bewerbungsgesprächen – berichteten.

Des weiteren gibt es im Wasserturm ein Tonstudio, eine Siebdruckwerkstatt und einen Probenraum mit Schlagzeug und Keyboard. „Wir haben hier einige Bands, ein paar deutsche und auch eine bosnische.“

Und nicht zuletzt greifen Michaela Peters und Kollegen den Kindern und Jugendlichen auch bei ihren Hausaufgaben unter die Arme und helfen ihnen – so gut es eben geht – eine Orientierung für das spätere Berufsleben zu geben.

Und das ist genau die Quintessenz ihrer Arbeit: „Unser Angebot soll an alle gehen. Daher ist unser A und O die Niedrigschwelligkeit. Wir möchten dazu beitragen, dass sich kleine Persönlichkeiten entwickeln. Die Kinder und Jugendlichen sollen während der ganzen Angebotspalette herausfinden, wo ihre Interessen liegen. Was möchte ich vielleicht mal werden? Was sind meine Stärken? Was kann ich aus ihnen machen? Sport ins Leben integrieren. Und das Hauptziel: Sie sollen aktiv an dieser Gesellschaft partizipieren.“

Aber können auch alle partizipieren, die das wollen?

„Elternarbeit ist ein wichtiger Bereich, insbesondere für die Mädchen“ erläutert Michaela Peters. Jungs hätten einfach einen größeren Freiraum, könnten rausgehen und machen, wozu sie Lust hätten – Mädchen nicht. „Ich habe zu vielen Eltern im Lauf der Jahre ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Ich gehe auch schon mal hin und frage, ob die Mädchen zum Beispiel abends mit ins Theater dürfen. Und ich verspreche ihnen dann, wenn es später werden sollte, die Mädchen bis an die Haustür zu bringen.“ Bei den Sportangeboten stößt sie aber auch schon mal an ihre Grenzen. „Leider hören wir noch viel zu oft ein Nein. Und das ist auch in einem Gespräch nur selten zu korrigieren.“ Aber Michaela Peters ist Realistin genug, um die Lage ganz pragmatisch einzuschätzen: „Ich bin ja schon froh, dass viele Eltern mir vertrauen, sonst dürften viele der Mädchen überhaupt nicht zu uns kommen.“

Und einen Wunsch für ihre zukünftige Arbeit hat sie auch noch: „Ich würde gern alle Mensch im Kiez mal einladen, im Wasserturm vorbeizuschauen, um ihnen allen zu zeigen, was es bei uns für Möglichkeiten gibt. Aber leider sind auch meine Kapazitäten begrenzt.“

An diesem Tag bekommen die Tänzer einfach nicht genug. Auch jetzt dröhnt die Musik wieder durch die Mauern des Wasserturms. Zwar kommen sie erst nächste Woche wieder zum Training. Doch Ruhe ist nicht in Sicht: Morgen proben die bosnischen Musiker von „Elvis“. Hier im Wasserturm in Berlin-Kreuzberg sind die Kinder und Jugendlichen aus dem Kiez vereint – hier ist richtig was los. Und das ist auch gut so.