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Von Michael Nittel In diesen Tagen und Wochen kann man keine Tageszeitung aufschlagen, ohne über dieses eine Wort zu stolpern: Integration. Und das in jedem nur erdenklichen Zusammenhang: Multi-Kulti sei gescheitert, Integrationsunwillige müsste man ausweisen. Plötzlich sollen Menschen nichtdeutscher Herkunft „Quizfragen“ beantworten, die sich noch nicht einmal Redakteure einer hierzulande sehr beliebten TV-Sendung ausdenken würden und die ohnehin kaum ein Deutscher beantworten könnte. Immer mehr politische Hinterbänkler drängen in die erste Reihe, lassen kein Mikrofon aus und dreschen ihre polemischen Phrasen. Natürlich müssen sich diese Menschen integrieren. Doch diese Gesellschaft muss auch bereit sein, diese Menschen integrieren zu wollen. Und wir müssen Möglichkeiten schaffen, wie diese Integration gelingen kann – zum Beispiel durch den Sport.
Die türkischstämmige Kölner Unternehmerin Gül Keskinler hat vor rund dreieinhalb Jahren das Projekt: „start – Sport überspringt kulturelle Hürden“ („Projekt: start“) ins Leben gerufen. Mit ihm soll es gelingen, muslimische Mädchen und Frauen für den Sport zu gewinnen, um sie stärker in das soziale Leben einzubinden. Das Projekt war und ist zwingend notwendig: Frauen bis 35 Jahre, unter den Zuwanderern prozentual die größte Gruppe, nehmen nur zu sieben Prozent am organisierten Sport teil. Im Vergleich: Die Präsenz deutscher Frauen in Sportvereinen liegt allein im Bundesland Hessen bei 40 Prozent. Das Problem: Sport zählt in ihren Herkunftsländern nicht zur Freizeitbeschäftigung der Mädchen und Frauen. Hinzu kommt, dass sie auch hierzulande ab ihrem zwölften Lebensjahr sehr stark mit familiären Pflichten betraut werden. Und dann spielt natürlich der Glaube oder besser: der vermeintliche Widerspruch von Glaube und Sport eine elementare Rolle. Und doch hätten sie Lust, Sport zu treiben. Das beweisen immer wieder repräsentative Umfragen. Und wenn schon nicht im Sportverein, so wären die muslimischen Mädchen und Frauen dann doch über ein entsprechendes Angebot in der Schule, einer AG oder aber einem Sportprojekt sehr dankbar. Doch viele dieser Angebote sind für Musliminnen nicht geeignet, wie der Erste Kinder- und Jugendsportbericht von 2003 thematisiert. Die Angebote knüpften nicht an die Lebenssituation und Bedürfnisse dieser Menschen an. Auf ihre religiösen Befindlichkeiten werde keine Rücksicht genommen. Es fehlte an der Auseinandersetzung mit Wertvorstellungen der Zugewanderten, wie zum Beispiel ihr Körperempfinden. Das alles versucht das „Projekt: start“, das vom Hessischen Ministerium des Innern und für Sport gefördert wird und unter der Trägerschaft des Landessportbundes Hessen steht, zu berücksichtigen.
„Das Sportprojekt ist ein großer Erfolg“, sagt Volker Bouffier, hessischer Minister des Innern und für Sport und vor kurzem erst durch seinen „Fragenkatalog zur Einwanderung“ zu zweifelhafter Berühmtheit gelangt. „Mit gezielten Sportangeboten kommen wir mit den Frauen in Kontakt und verschaffen ihnen damit einen Zugang zu unserer Gesellschaft.“ Alles begann im Frankfurter Gallus-Viertel, einem sozialen Brennpunkt in der Mainmetropole. Gül Keskinler erinnert sich: „Wir waren kaum zwanzig Leute – das war schon sehr enttäuschend für uns. Und wir hatten die Presse eingeladen. Doch kein Mensch war gekommen – das war noch viel enttäuschender!“ Doch im Gegensatz zu oben erwähnten Marktschreiern beließ es die Projektmanagerin nicht bei schönen Worten und stürzte sich trotz einiger Rückschläge in die Arbeit – mit beachtlichem Erfolg: Heute laufen in Frankfurt am Main, Hattersheim, Rüsselsheim und Darmstadt 30 Mikroprojekte in 16 Stadtteilen mit jeweils hohem Ausländeranteil. Mit Offenbach hat die Initiatorin bereits die nächste hessische Metropole im Visier. Und im November 2005 wurde das Projekt mit dem Hessischen Integrationspreis ausgezeichnet.
Im Mittelpunkt steht eine Übungsleiterinnenausbildung „Breitensport für die Zielgruppe Zuwandererfrauen“ und ein Sportgruppenangebot mit den Schwerpunkten Gymnastik, Walking und Schwimmen. Das Spektrum der Zielsetzungen ist breit gefächert: Körperliches Wohlbefinden, Persönlichkeitsentwicklung und Stärkung des Selbstbewusstseins werden ebenso angestrebt, wie der Brückenschlag zwischen den Kulturen. Ziele sind, dass die Frauen Verantwortung übernehmen, zum Beispiel durch die Mitarbeit in Vereinsvorständen, bis hin zur Beseitigung sprachlicher Barrieren. Letzteres ist übrigens ein zentrales Anliegen. „In unserem Expertenstab werden allein 15 verschiedene Sprachen gesprochen. Aber es ist verbindlich, dass in den Sportgruppen deutsch gesprochen wird. Diese Regel stellen nicht die Organisatoren auf, sie kommt aus den Gruppen selbst“, sagt Gül Keskinler. So wurden schnell zwei Punkte fixiert, die Bestandteil einer schriftlichen Abmachung wurden. Erstens: „Wir sind hier, weil wir alle deutsch lernen wollen.“ Zweitens: „Keiner darf sich ausgesperrt fühlen.“ Und so kommen sie zusammen: Frauen aus Marokko, Ägypten, dem Iran und der Türkei, aber auch aus Osteuropa. Und auch deutsche Frauen nehmen das Angebot wahr. Und damit kann Integration erst gelingen. Denn sie ist alles – nur keine Einbahnstraße.
Integration gelingt nicht, wenn andere tun, was wir wollen. Integration gelingt aber auch nicht, wenn wir tun, was die anderen wollen. Integration ist nur dann möglich, wenn alle Menschen tun – und vor allem tun können – was sie wollen, freiheitlich und individuell. Aber dafür müssen die Menschen nicht nur wissen, was sie wollen. Sie müssen auch wissen, dass sie es können – zu jeder Zeit. An dieser Stelle beginnt nun also die eigentliche Arbeit: „Unsere Zielgruppe erreichen wir in der Regel nicht durch viele, bunte Flyer. Wir erreichen sie nur über die persönliche Ebene“, so Gül Keskinler. Darum werden muslimische Frauen nicht nur zu Übungsleiterinnen ausgebildet, sondern sie sollen auch vermitteln. Sie gehen in die Organisationen hinein, besuchen unter anderem Teestunden und treten so mit den muslimischen Frauen in Kontakt. „Doch der Weg ist weit. Manchmal müssen wir erst mit den Männern reden. Die fragen uns dann: Was habt ihr eigentlich mit unseren Frauen vor?“ Nicht selten müsste man die ganze Familie, manchmal sogar die ganze Community davon überzeugen, dass die Sportgruppen etwas Gutes für die Frauen sind. Die Bemühungen haben sich gelohnt: Über 50 Zuwandererfrauen wurden bisher als Übungsleiterinnen ausgebildet, weit über 200 sind über die Sportgruppenangebote Mitglied in einem Verein geworden. „Das Allerwichtigste ist aber die Mundpropaganda innerhalb der Community. Wie viele Frauen auf diesem Weg mittlerweile erreicht worden sind, entzieht sich unserer Kenntnis.“ Deshalb ist sich Gül Keskinler mittlerweile sicher: „Es gibt keine Hürde, die wir nicht gemeinsam überspringen können.“ Sie sagt aber auch: „Unsere Arbeit ist und bleibt eine Never-Ending-Story.“ Ihr Ziel seien noch mehr Multi-Kulti-Sportvereine, in denen Menschen aller kultureller, ethnischer, religiöser, geschlechtlicher, sozialer oder sonstiger Hintergründe miteinander vereint seien.
Eine Muslimin, die an einer der Sportgruppen teilgenommen hat, aber anonym bleiben möchte, erinnert sich: „Der Tag in der Woche, an dem ich Sport machen durfte, war der Tag, an dem ich mich gut fühlte.“ Und sie rührt damit Menschen, die wünschten, dass Andere, wenn auch nur für einen winzigen Augenblick, nicht mehr Mensch, sondern nur noch reines Glück sind, zu Tränen. Sie rührt uns zu Tränen.
Über die Grenzen Hessens hinaus wird es das „Projekt: start“ allerdings wohl nicht geben: Denn obwohl Gül Keskinler ihre Bereitschaft signalisiert hat, es auch andernorts zu etablieren, und sie sich „vor Bewerbungen von Sportwissenschaftlerinnen, deutscher und nichtdeutscher Herkunft, kaum retten kann“, ist noch nicht ein einziger anderer Landesverband an sie herangetreten.
Dort verfolgt man zum Teil andere, nicht weniger interessante Wege, wie der Landessportbund Niedersachsen: Im Rahmen des seit Juni 2002 bestehenden Förderprogramms „Lebensweltbezogene Mädchenarbeit“, in dem für muslimische Mädchen und Frauen körper-, bewegungs- und sportbezogene Angebote entwickelt werden, hat man den Sport einfach zu den Frauen gebracht. „Da die Moschee für diese Menschen ein wichtiger Ort der Begegnung ist und diese Lebenswelt bereits das Vertrauen der Eltern besitzt,“ so die Mädchenreferentin der Sportjugend Niedersachsen Karin Solsky, „entstand die Idee, ein Mädchensportangebot in einer Moschee zu initiieren.“ Um das Interesse zu erfragen, machte man vorab unter den rund 60 Mädchen und Frauen, die die Moschee in der Stiftstraße in Hannover regelmäßig besuchen, eine Fragebogenaktion. Das Ergebnis überzeugte: 36 Befragte machten deutlich, dass sie sehr gern einen Sport wie Tanz, Gymnastik oder Selbstverteidigung ausprobieren wollen würden. Aber auch 23 anderen genannten Sportarten gegenüber zeigten sie sich sehr aufgeschlossen. Die Akzeptanz der Mütter erhöhte sich durch die Tatsache, dass eine türkischsprachige Übungsleiterin gefunden werden konnte, die den Kontakt hielt und mit den Müttern eine intensive Elternarbeit betrieb. Aber auch die Väter konnten überzeugt werden – und zwar vom Vorbeter der Moschee. Dieser kündigte das Mädchensportangebot nicht nur in seinem Freitagabendgebet an – er ließ auch seine eigene Tochter daran teilnehmen. Das Projekt war geboren und läuft noch heute sehr erfolgreich.
Mit einem Aktionstag startete der Landessportbund Bremen seine Bemühungen, Musliminnen mit Sportangeboten in Berührung zu bringen: Am 24. September 2005 kamen immerhin 80 Mädchen und Frauen im Alter von 13 bis 60 Jahren in die Fatih-Moschee im Bremer Stadtteil Gröpelingen, um Sportarten wie Nordic Walking, Yoga und Stepp-Aerobic kennenzulernen und auszuprobieren. Die Wichtigkeit solcher Angebote bringt die Initiatorin und Leiterin des Programms „Sport mit Ausländerinnen“ Astrid Touray auf den Punkt: „Uns ist es gelungen, von diesen 80 Mädchen und Frauen immerhin vier so zu motivieren, dass sie einem Sportverein beigetreten sind.“ Und zwei dieser Musliminnen absolvieren zurzeit ihre Übungsleiterausbildung und erhalten, nach einem abschließenden Erste-Hilfe-Kurs, in diesen Tagen ihre Lizenz. Ein Erfolg, den Massenmedien vermutlich als „verschwindend gering“ bezeichnen würden, wenn sie sich dem Thema denn überhaupt annähmen. Astrid Touray hingegen sagt: „Die Krümel machen den Kuchen.“ Und sie hat Recht. Am 18. Februar folgte der zweite Aktionstag, dieses Mal in der evangelischen Gemeinde in Gröpelingen, in die man die Mädchen und Frauen der Mevlana-Moschee geladen hatte. „Sehr viele Musliminnen hatten den Wunsch geäußert, ein Sportangebot auch mit deutschen Frauen wahrnehmen zu können. Dem sind wir hiermit nachgekommen.“ So erfülle dieses Angebot auch den integrativen Aspekt. Zwar gebe es auch in dieser Bremer Gemeinde strenger gläubige Musliminnen, von denen eine sogar gefragt habe, ob denn die zuständige Übungsleiterin gottgläubig sei. Aber Astrid Touray fügt an: „Auch diese Frauen nehmen an unserem Sportangebot teil. Und das ist für diese Menschen schon ein unglaublich großer Schritt aus ihrem eher traditionellen Leben.“ Der nächste Aktionstag ist geplant – vermutlich Ende diesen, spätestens aber Anfang nächsten Jahres.
Und in Berlin? Im Jahr 1972 waren 500 Menschen nichtdeutscher Herkunft Mitglied in Berliner Sportvereinen. Ob überhaupt Frauen und Mädchen darunter waren, lässt sich heute schwer sagen – eine handvoll mögen es gewesen sein. Bei der letzten statistischen Erhebung des Landesamtes im Jahr 2000 waren 21.820 ausländische Mitbürger in Berliner Sportvereinen organisiert, darunter 14.622 Kinder und Jugendliche. Und Frauen und Mädchen? „Knapp 25 Prozent waren Frauen und Mädchen“, sagt Heiner Brandi, Jugendreferent des Landessportbundes Berlin, und fügt hinzu: „In kleinen Schritten, aber kontinuierlich, erzielen wir Erfolge, so dass sich die Relationen zumindest verbessern. Aber es bleibt dabei: Frauen sind unterrepräsentiert.“ Das gelte natürlich ganz besonders für Mädchen und Frauen muslimischer Herkunft. Wie versucht man in Berlin, an diese Menschen heranzukommen? Wir haben ein Projekt in der Hauptstadt besucht. Lesen Sie dazu den Text: DTK Wasserturm. |


