Freier Journalist

Die Fußball-Weltmeisterschaft zog nicht nur hierzulande alle in ihren Bann. Mit dem Slogan „Zu Gast bei Freunden“ hieß Deutschland alle Menschen dieser Welt willkommen. Doch welche Bedeutung hatte diese Weltmeisterschaft für die Kinder und Jugendlichen in unserem Land? Welche Bedeutung hat der Sport ganz allgemein. Während die deutsche Mannschaft um den Titel kämpfte, stand der Deutsche Fußballbund – immerhin größter Sportverband der Welt – in einem Interview Rede und Antwort. Mein Gesprächspartner war Jörg Daniel, früher Profi bei Fortuna Düsseldorf und seit dem 1. Juli 1999 beim DFB angestellt. Der 54-Jährige ist der Coach unserer U-15-Nationalmannschaft und hat in dieser Funktion Tag für Tag mit jungen Menschen zu tun.

 

Michael Nittel: „Welche Bedeutung sollte die WM für die Kinder und Jugendlichen in diesem Land haben?“

 

Jörg Daniel „Jede Fußball-Weltmeisterschaft ist für jedes Land ein Riesenereignis. Die Kinder erleben nie ein solche Ballung von Informationen, Filmen und Zeitungsberichten über ihre Idole, über die Fußballer, die sie mögen. Für die Kinder ein absolutes Highlight.

 

„Ein Highlight, auch wenn 99,9 Prozent aller Kinder und Jugendlichen außen vor bleiben, weil sie weder Eintrittskarten für die Spiele bekommen haben, geschweige denn überhaupt in die Nähe der Stadien gelangen?“

 

„Aber allein schon die Übertragungen auf Großbildleinwänden sind klasse – die Stimmung ist toll und die Kinder haben Spaß. Und auch zu Hause versammeln sich doch ganze Familien vor den Fernsehern, um die Spiele zu sehen. Also: Auch wenn man nicht in die Stadien kommt – die WM infiziert unsere Kinder schon.“

 

„Kann es denn auch gelingen, durch die WM einen „Fußball-Boom“ auszulösen, um wieder mehr Kinder in die Sportvereine zu bringen?“

 

„Es ist eigentlich ein Dauerauftrag, dafür zu sorgen, dass der Sport im Allgemeinen und der Fußball im Speziellen so attraktiv ist, dass Kinder ihn auch langfristig betreiben. So eine WM kann dann mal einen leichten Boom auslösen. Aber darauf kann und sollte man sich nicht verlassen. Kinder und Jugendliche zu begeistern ist eine stetige Arbeit, die die Vereine betreiben müssen, wenn sie überleben wollen.“ 

 

„Welche Bedeutung hat der Breitensport bzw. sollte der Sport ganz generell für Kinder und Jugendliche haben?“

 

„Er sollte eine ganz, ganz, ganz große Bedeutung haben. Die Gesundheit der Kinder wird schlechter. Herz- und Kreislaufprobleme nehmen zu, ihre Körperhaltung ist schlecht. Da könnte der Sport einen Rieseneinfluss nehmen – und zwar kurz-, mittel- und langfristig – und zwar nicht nur auf die Gesundheit, sondern einfach auf das Wohlergehen von Kindern und späteren Erwachsenen.“

 

„Wo sind eigentlich unsere Straßenfußballer abgeblieben? Warum spielen Kinder nicht mehr / oder nicht mehr so oft wie früher auf der Straße Fußball?“

 

„Zu viele Autos. Zu meiner Zeit ging das noch. Da kam ab und zu ein Opel Olympia vorbei oder ein Ford Taunus. Da konnte man in aller Ruhe auf der Straße spielen. Das geht heute einfach nicht mehr. Vielleicht wäre es eine Möglichkeit, einfach die Vereinsgelände zu öffnen, so dass die Kinder wissen: Da können wir hinkommen, ohne gleich wieder fortgejagt zu werden. Aber auf der Straße klappt das nicht mehr.“

 

 „Heutzutage treiben nicht nur viel zu wenig Kinder Sport, auch in die Vereine treten immer weniger Kinder und Jugendliche ein. Was könnte man tun, damit sich das ändert?“

 

„Ich würde es einfach mehr Geld kosten lassen, zumindest mehr Geld als jetzt. Ich denke, dass die Mitgliedsbeiträge speziell in den Fußballvereinen auf dem Niveau der sechziger Jahre sind. Eltern wären bei entsprechender Qualität durchaus bereit, mehr Geld zu bezahlen – natürlich immer vorausgesetzt, dass sie es können. Dann wären die Vereine in der Lage, ihre Übungsleiter zu bezahlen. Dann steigt die Qualität der Betreuung, und dann kommen auch wieder mehr Kinder.“

 

„Aber gibt es wirklich so viele Familien, die das bezahlen könnten?“

 

„Ich denke schon. Viele Kinder laufen heutzutage doch mit Klamotten im Wert von bis zu 400 Euro am Körper herum. Und die gleichen Eltern machen dann Terror, wenn der Mitgliedsbeitrag im Jahr mal um 10 Euro erhöht wird.“ 

 

„Und was machen wir mit den Kindern aus sozial schwachen Familien, aus sozialen Brennpunkten, die sich den Verein noch nicht einmal heute leisten können?“

 

„Da müsste jeder Verein eine Art Sozialfonds haben. Und dann wäre es ein individuelles Rechenbeispiel, dass jeder Verein sagt: Wir können ... Kinder mitnehmen, die nur einen geringen Beitrag oder gar keinen Beitrag bezahlen.“

 

„Aber welcher Verein kann sich das wiederum leisten?“

 

„Gibt es denn wirklich so viele sozial Schwache, die nicht einmal 5 Euro im Monat bezahlen können – für ihr Kind? Das wäre eine Flasche Wein weniger. Man müsste mit konkreten Zahlen operieren und einfach mal fragen: Okay, was ist drin: fünf, acht, zehn Euro im Monat? Ich kann es nicht belegen oder beweisen. Aber ich glaube, es wird immer viel zu schnell gesagt: Ich kann mir das nicht leisten.“

 

„Wie können wir verhindern, dass zu ehrgeizige Eltern oder zu ehrgeizige Trainer Talente verheizen, Kindern den Spaß am Sport nehmen?“

 

„Nur durch Aufklärung. Was Sie beschreiben, ist nicht mehr ein Spiel der Kinder, sondern ein Spiel der Eltern. Kinder sind Statisten, Marionetten, die bewegt werden von schreienden Vätern. Wir alle müssen diesen Eltern vermitteln, was Sport bedeutet. Nehmen wir noch einmal den Straßenfußball. Das war ein freies Spiel, von Kindern selbst organisiert – ohne Erwachsene. Das ist ein Muster mit Wert. Wenn mir aber ewig jemand sagt, wohin ich den Pass spielen muss, dann lerne ich es zwar auch. Das ist aber ein Muster ohne Wert. Die Eltern sollen dafür sorgen, dass ihr Kind ein hübsches Trikot an hat, dass genug zu trinken da ist. Und dann sollen sie ihre Kinder einfach spielen lassen.“

 

„Allein in Berlin gab es letzte Saison rund 25.000 Fußballspiele – davon wurden 88 abgebrochen, es gab 1017 Vorfälle bei Jugendspielen sowie 750 außergewöhnliche Ereignisse bei Männerspielen, die vor dem Sportgericht landeten. Was müssen wir tun, damit Fußball wieder das wird, was es sein sollte: die schönste Nebensache der Welt?“

 

„Das ist eine schwierige Frage. Ich denke, das ist auch eine Sache der Qualität von Trainern und Betreuern. Wenn wir bei ihrer Ausbildung eine Qualitätssteigerung erzielen können, wird so etwas aufhören. Den Spielern muss vermittelt werden, dass sie kein Fußball spielen können, wenn sie keine Gegner haben. Dann könnten sie im günstigsten Fall den Ball einfach immer wieder gegen eine Wand schießen. Nein, man muss sie einfach erziehen – im wahrsten Sinne des Wortes. Sie müssen lernen, Respekt vor ihrem Gegner zu haben.“

 

„In Zeiten, in denen Gehälter von Spitzenfußballern immer weiter steigen und viele ehrenamtliche Trainer und Betreuer, eventuell von Arbeitslosigkeit bedroht oder sogar schon arbeitslos, weiterhin unentgeltlich unsere Kinder und Jugendlichen betreuen: Wie können wir diese Menschen in Zukunft dennoch davon überzeugen, dass sie für diese Gesellschaft wichtig sind und weiter ehrenamtlich tätig sein müssen?“

 

„Das ist eine schöne Frage. Aber das war doch schon immer so. Natürlich sind die Gehälter in den letzten zehn Jahren explodiert. Aber das Problem sind nicht die Superstars, die Ballacks und Konsorten. Das Problem sind die zu vielen mittelmäßigen Fußballer, die auch zu viel Geld verdienen. Aber eine Lösung habe ich auch nicht parat.“

 

„Und was tun wir gegen den immer noch gegenwärtigen Rassismus in den Fußballstadien dieser Welt und auch drum herum – vor allem in Zeiten, in denen sogar deutsche Nationalspieler wie Gerald Asamoah von so genannten deutschen „Fans“ – wenn auch „nur“ in Internetforen – beschimpft werden?“

 

„Das wird nicht aufhören. Das sind aber immer nur ein paar Wenige. Uns kommt es nur so viel vor, weil es ständig in den Medien präsent ist. Man kann nur versuchen, einen vernünftigen Umgang vorzuleben. Und irgendwann merken diese Wenigen hoffentlich, dass sie keine Chance haben.“

 

„Vor allem: Die deutsche Nationalmannschaft ist doch auch eine Multi-Kulti-Truppe. Also: Entweder trage ich als Fan das deutsche Trikot und jubele dieser Mannschaft zu. Oder ich lasse es.“

 

„Richtig. Und wenn genau diese Jungs Deutschland zum Weltmeistertiel schießen, hat sich das alles sowieso erledigt.“

 

„Wie wichtig ist Multi-Kulti generell im Sport?“

 

„Nicht mehr weg zu denken. Ein Beispiel: Ich versuche gerade, für unsere U-15 Nationalmannschaft einen Kader zu bilden. Und meine Spieler heißen: Coric, Radjabali Fardi, Afsarli, Tosun  und Ferrera – um nur einige zu nennen. Das ist doch mittlerweile völlig normal. Multi-Kulti im Sport klappt prima. Es geht ja auch nicht mehr ohne – und es soll auch nicht mehr ohne gehen.“

 

„Kann es nicht aber sein, dass so genannte Ausländerregelungen im Spitzensport – dass also nur eine bestimmte Anzahl an Ausländern im Kader stehen darf, um den deutschen Nachwuchs stärker zu fördern – eine vernünftige Integration von Menschen nichtdeutscher Herkunft verhindern. Nach dem Motto: „Die wollen uns doch gar nicht dabei haben...?“

 

„Das kann und muss man erklären können. Wenn wir mit unserer Nationalmannschaft, mit unseren Vereinsmannschaften langfristig in der Weltspitze mitspielen wollen, dann müssen wir dafür sorgen, dass unsere talentiertesten Spieler auch die Möglichkeit bekommen, zu spielen, sich mit denen zu messen, die sie irgendwann einmal auf dem Fußballplatz schlagen sollen. Andere Länder machen das doch auch. Ich denke, dass lässt sich erklären, ohne dass man in den Verdacht der Ausländerfeindlichkeit gerät.“

 

„Was halten Sie von so genannten eigenethnischen Vereinen – also Klubs, in denen nur Menschen aus einem bestimmten Herkunftsland spielen? Vor allem, wenn man vom Sport oder dem Verein eine integrative Funktion einfordert?“

 

„Diese Mannschaften haben ja auch Gegner. Und das sind Deutsche, Teams mit einer anderen ethnischen Herkunft oder die von uns bereits erwähnten Multi-Kulti-Truppen. Und bei diesen Spielen findet ja auch eine Begegnung statt.“